Während ich diese Zeilen tippe, bin ich sehr müde. Das bin ich meistens, aber dieses Mal hat die Müdigkeit eine ganz andere Qualität. Ich bin vorm Fernseher eingepennt. Es lief diese eine Doku im Streaming-Dienst, ein Blick in die Mannosphäre (Manosphere) und in die Scheinwelt der Muskel-Männer*, die auf Social Media verirrten Teenagern einreden, dass Frauen keine gleichwertigen Menschen sind.
Ich habe wirklich versucht, mir das Ganze anzusehen, doch von so viel grauem Rauschen, was die ultramaskulinen Influencer geplappert hatten, bin ich eingepennt**. Obwohl das, was ich in den ersten zehn Minuten mitbekommen hatte, übles Zeug war. Besonders übel wird es, wenn es in den Hohlköpfen der männlichen Fans nachhallt, die Tag für Tag die Ergüsse ihrer Vorbilder in den sozialen Medien abfeiern.
In mir hallt noch die Leipziger Buchmesse nach. Da gab es diesen Vortrag. In dem ging es unter anderem darum, dass man gewisse Wörter, gewisse Dinge heute so nicht mehr schreiben darf. Deshalb sei das Sensitivity Reading ganz wichtig, bei dem Texte nach verletzenden oder missverständlichen Stellen durchforstet werden. Gleichzeitig war da das Foto, das mir eine begeisterte Leserin zeigte, ein Foto von einem Dark Romance Messestand. Dort hing ein Gemälde über der Attrappe eines Kamins. Das Bild zeigte eine splitternackige Frau, die den Frauen in der Doku zu den Muskel-Alphas wie ein Ei dem anderen glich. Sie kniete devot vor einem halb nackten Alpha-Honk, der ihr eine Pistole an den Kopf hielt. (Was sagen die Sensitivity Readers zu solchen Szenen in romantischen Romanen? Muss man das heute so schreiben? Vermutlich ja. Dank der Diskussionen auf Insta zu dem Thema habe ich gelernt, das sei feministisch und empowernd und nur alte, weiße Literaturkritiker, die im TV vollkommen unsensibel Bestseller in die Tonne hauen, kapieren das nicht.)
Trotzdem bin ich mit Blick auf die gepimpten Typen ratlos. Warum ist dieser Lifestyle so erstrebenswert? Übertrainierte Männer in teuren Autos, die einschläferndes Zeugs plappern und deren einziger Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, mit ihrem Geld anzugeben und sich über künstlich aufgehübschte Frauchen zu erheben.
Der Dark-Romance-Hype passt da ganz gut ins Bild, finde ich. Er scheint hervorragend dazu geeignet zu sein, selbst jenen Teenie-Mädchen, die halbwegs des Lesens mächtig sind, den ganz speziellen Lebensstil der Alpha-Männer und devoten Frauchen als begehrenswerten Sehnsuchtszustand in die Köpfe zu flüstern. Auf diese Weise konditioniert hilft es ihnen vielleicht später im Leben, sich wie ein Stück hirnloses Fleisch behandeln zu lassen. Hauptsache die durchtrainierten Alphas schenken ihnen regelmäßig was Glitzerndes. Und natürlich dürfen sie auch mal im Sportwagen mitfahren.
Zum Glück bin ich chronisch müde. Je mehr ich schlafe, desto weniger bekomme ich von dem ganzen Quatsch mit.
*) Irritiert hat mich die Mimik der Alpha-Kerle. Die wirkte auf mich so, als hätten sie Angst davor, dass jederzeit ihre Mutti sie hart ausschimpfen könnte (was in der besagten Doku sogar mehr oder weniger geschah …)
**) Respekt für die Frauen an ihrer Seite, die das ohne Ohrenbluten aushalten.
