Abschied von Schrumpel
Schrumpel ist tot. Fast neunzehn Jahre alt ist der Kater geworden. Gefunden haben wir ihn im Alter von etwa sechs Wochen, ein abgemagertes Fellknäuel mit Katzenschnupfen und Bindehautentzündung, das bei einem apokalyptischen Starkregen in einer überfluteten Gosse saß.
Seit etwas mehr als einem Jahr ging es steil bergab. Er wurde taub und inkontinent. Auch beim großen Geschäft traf er ab und zu das Klo nicht mehr. Vielleicht hätte ich ihn letztes Jahr schon ein oder zwei Monate früher zum Tierarzt bringen sollen. Doch Kater Schrumpel hatte panische Angst vorm Tierarzt. Er verwandelte sich dort jedes Mal in eine unberechenbare Bombe mit Krallen und Zähnen kurz vor der Explosion. Für die Untersuchung wickelten sie ihn in einen Käscher oder narkotisierten ihn. Um ihm den Stress zu ersparen, vermied ich deshalb Tierarztbesuche.
Einmal, da war er sechzehn Jahre alt, hatte ich es geschafft, eine Tierärztin zu mir nach Hause zu holen. Eine Freundin von einer Freundin. Sie meinte, bei so alten Katzen lohnt sich keine Behandlung mehr. Als es zwei Jahre später tatsächlich bergab mit ihm ging, versuchte ich, den Homeservice der Tierarztpraxis, die ich mit den Katzen aufsuche, in Anspruch zu nehmen. Solche Hausbesuche werbemächtig anzupreisen, ist die eine Sache. Sie auch tatsächlich durchzuführen, eine ganz andere. Niemand kam. Schrumpel und ich mussten in die Praxis. Der achtzehnjährige Kater wurde in Narkose gelegt und Blut für eine Untersuchung abgenommen. Die Nierenwerte waren schlecht. Ich bekam Medikamente, die Anweisung, Nierenfutter zu füttern und den Hinweis, dass ich übers Einschläfern nachdenken soll, da er austherapiert sei.
Nach der Narkose hatte er sich nie wieder richtig erholt. Und nach der abrupten Futterumstellung fraß er auch nicht mehr. Über Monate hinweg versuchte ich, ihn zum Fressen zu animieren. Ich kaufte sämtliche Nierenfuttersorten, die es gab, die er aber alle verweigerte. Weil er immer dürrer wurde, versuchte ich in meiner Not, ihm wieder sein gewohntes Futter zu geben. Das verweigerte er ebenfalls, egal welche Sorte. Ich kochte ihm Hühnchen und Lachs, kaufte Rindfleisch, gab ihm rohe Eier. Das funktionierte oft ganz gut. Auch wenn es vermutlich eine schlechte Idee war bei seinen Nierenwerten. Doch ich wollte einfach nicht, dass er verhungerte. Später erfuhr ich durch Recherche im Internet, dass man niemals das Futter abprupt umstellen darf, sondern durch langsames Untermischen nach und nach austauschen. Hätte mir das der Tierarzt letztes Jahr erklärt, würde Schrumpel vielleicht noch leben.
Inzwischen war er auf unter drei Kilo abgemagert. Im Frühjahr kam noch eine Krankheit hinzu, die ihn sehr mitnahm, die er aber überwandt. Er fraß plötzlich wieder gut, nahm sogar etwas zu. Das Knochengestell bekam ein spürbares Bäuchlein und stand sofort vorm Kühlschrank, sobald jemand die Küche betrat. Der Fellwechsel machte ihm jedoch zu schaffen. Das Fell war stumpf und fiel ihm an einer Stelle aus. Genau zu dieser Zeit musste ich wieder zum Tierarzt, denn seit der ersten Medikamentengabe war ein Jahr vergangen. Leider war inzwischen auch die Inkontinenz zurückgekehrt. Damit er bei der Untersuchung weniger agressiv reagierte, gab mir die Tierarztpraxis ein Beruhigungsmittel, das ihn leicht benommen werden ließ. In diesem Zustand, stark abgemagert, aber mit gesundem Appetit, leicht benommen und zerzaust, brachte ich ihn zum Tierarzt. Dort gab es keine Gnade. Ich ging mit einem toten Kater nach Hause und ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung war.
Ich hatte den Eindruck, dass die Tierärztin mir nicht glaubte, dass er gut fraß, dass sie mich sogar dafür verachtete, weil ich nicht schon früher zum „Erlösen“ gekommen war. Ich musste an eine ältere Dame aus der Familie denken, die in diesem Frühjahr laut Aussage zweier Mediziner sterben sollte, die sogar schon Morphium bekam, weil da eh nichts mehr zu machen sei und es sich nur noch um Stunden handeln würde. Aus den Stunden wurden Tage, aus den Tagen Wochen. Inzwischen brettert sie wieder mit ihrem Rollator in einem Affenzahn zum Edeka. Wer entscheidet eigentlich, wann jemand sterben oder weiterleben darf?
Jetzt sitze ich hier und weine und mache mir Vorwürfe, weil ich ihn nicht schon früher habe einschläfern lassen. Oder weil ich ihn zu früh habe einschläfern lassen, denn seine regelmäßigen Sprints zum Kühlschrank sahen für mich eher nicht nach einem Todeswunsch durch Verhungern aus.
Es tut mir so leid, Schrumpel. Deine jahrzehntelange Panik vor Tierärzten, über die ich immer ein bisschen geschmunzelt hatte, war begründet. Ich weiß nicht, ob ich das Richtige getan und dich erlöst habe – oder ob ich dich verraten und auf dem Gewissen habe.
Ohne dich ist es in der Wohnung dröhnend still. Da ist ein Loch in unserer Familie. Du fehlst uns so sehr.
