Und tschüss, Algorithmus

Das aktuelle Buch „Sarkany – Die Vergessenen erwachen“ zu schreiben, hat erstaunlich lange gedauert und viel Kraft gekostet, obwohl es eines meiner kürzeren Bücher ist. Es war noch schwerer als in den vergangenen Jahren, Zeit und Ruhe zum Schreiben, vor allem zum Überarbeiten, zu finden. Im Moment schaue ich dem E-Book zu, wie es immer tiefer im Ranking absackt. Vermutlich, weil der Algorithmus nichts damit anfangen kann und Leser es deshalb nicht finden.

Illustration aus der Taschenbuchausgabe

Mehr als ein Jahr Arbeit, in jeder freien Minute nach dem eigentlichen Job, löst sich gerade in nichts auf. So wie die Bäume in meiner Geschichte, die scheinbar im Wald stehen, obwohl sie längst verschwunden sind. Meine komplizierte Beziehung zum Algorithmus ist schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil ich es maximal einmal im Jahr schaffe, ein Buch zu veröffentlichen und das auch nicht jedes Jahr. Der Gute weiß einfach nichts mit meinem Kram anzufangen, weil ich zu selten vorbeischaue. Deshalb lässt er es gleich ganz bleiben, meine Bücher Lesern vorzuschlagen.

Kater Schrumpels Tod hat zudem so richtig reingehauen. Der Kater war ein wichtiger Teil meines Schreibprozesses. Jetzt, wo er weg ist, klafft dort eine Bruchstelle, die sich nicht reparieren lässt.

Das Taschenbuch für „Sarkany – Die Vergesenen erwachen“ ist inzwischen gesetzt. Sobald ich den Probedruck korrigiert habe, wird es im Buchandel bestellbar sein. Danach schalte ich mein Schreibprogramm bis auf Weiteres aus und hole die Zeichenstifte heraus. Schon letztes Jahr hatte ich mir vorgenommen, die Shopseiten bei Amazon aufzuhübschen. Das will ich gegen den KI-Trend mit eigenen Zeichnungen machen.

Wenn ich es richtig beobachte, gehören seelenlose KI-Bildchen inzwischen zur Grundausstattung beim Coverdesign, Charakterkarten, Insta-Postings und im Amazonshop. Ich zeichne trotzdem weiter. Shit egal, ob der Algorithmus angewidert den Mund verzieht und sich genervt abwendet. (Falls du das liest, mein liebes Freundchen alias „Algorithmus“: Ich mache Schluss mit dir. Es ist aus. Das wars.)

Abschied von Schrumpel

Abschied von Schrumpel

Schrumpel ist tot. Fast neunzehn Jahre alt ist der Kater geworden. Gefunden haben wir ihn im Alter von etwa sechs Wochen, ein abgemagertes Fellknäuel mit Katzenschnupfen und Bindehautentzündung, das bei einem apokalyptischen Starkregen in einer überfluteten Gosse saß.

Seit etwas mehr als einem Jahr ging es steil bergab. Er wurde taub und inkontinent. Auch beim großen Geschäft traf er ab und zu das Klo nicht mehr. Vielleicht hätte ich ihn letztes Jahr schon ein oder zwei Monate früher zum Tierarzt bringen sollen. Doch Kater Schrumpel hatte panische Angst vorm Tierarzt. Er verwandelte sich dort jedes Mal in eine unberechenbare Bombe mit Krallen und Zähnen kurz vor der Explosion. Für die Untersuchung wickelten sie ihn in einen Käscher oder narkotisierten ihn. Um ihm den Stress zu ersparen, vermied ich deshalb Tierarztbesuche.

Einmal, da war er sechzehn Jahre alt, hatte ich es geschafft, eine Tierärztin zu mir nach Hause zu holen. Eine Freundin von einer Freundin. Sie meinte, bei so alten Katzen lohnt sich keine Behandlung mehr. Als es zwei Jahre später tatsächlich bergab mit ihm ging, versuchte ich, den Homeservice der Tierarztpraxis, die ich mit den Katzen aufsuche, in Anspruch zu nehmen. Solche Hausbesuche werbemächtig anzupreisen, ist die eine Sache. Sie auch tatsächlich durchzuführen, eine ganz andere. Niemand kam. Schrumpel und ich mussten in die Praxis. Der achtzehnjährige Kater wurde in Narkose gelegt und Blut für eine Untersuchung abgenommen. Die Nierenwerte waren schlecht. Ich bekam Medikamente, die Anweisung, Nierenfutter zu füttern und den Hinweis, dass ich übers Einschläfern nachdenken soll, da er austherapiert sei.

Nach der Narkose hatte er sich nie wieder richtig erholt. Und nach der abrupten Futterumstellung fraß er auch nicht mehr. Über Monate hinweg versuchte ich, ihn zum Fressen zu animieren. Ich kaufte sämtliche Nierenfuttersorten, die es gab, die er aber alle verweigerte. Weil er immer dürrer wurde, versuchte ich in meiner Not, ihm wieder sein gewohntes Futter zu geben. Das verweigerte er ebenfalls, egal welche Sorte. Ich kochte ihm Hühnchen und Lachs, kaufte Rindfleisch, gab ihm rohe Eier. Das funktionierte oft ganz gut. Auch wenn es vermutlich eine schlechte Idee war bei seinen Nierenwerten. Doch ich wollte einfach nicht, dass er verhungerte. Später erfuhr ich durch Recherche im Internet, dass man niemals das Futter abprupt umstellen darf, sondern durch langsames Untermischen nach und nach austauschen. Hätte mir das der Tierarzt letztes Jahr erklärt, würde Schrumpel vielleicht noch leben.

Inzwischen war er auf unter drei Kilo abgemagert. Im Frühjahr kam noch eine Krankheit hinzu, die ihn sehr mitnahm, die er aber überwandt. Er fraß plötzlich wieder gut, nahm sogar etwas zu. Das Knochengestell bekam ein spürbares Bäuchlein und stand sofort vorm Kühlschrank, sobald jemand die Küche betrat. Der Fellwechsel machte ihm jedoch zu schaffen. Das Fell war stumpf und fiel ihm an einer Stelle aus. Genau zu dieser Zeit musste ich wieder zum Tierarzt, denn seit der ersten Medikamentengabe war ein Jahr vergangen. Leider war inzwischen auch die Inkontinenz zurückgekehrt. Damit er bei der Untersuchung weniger agressiv reagierte, gab mir die Tierarztpraxis ein Beruhigungsmittel, das ihn leicht benommen werden ließ. In diesem Zustand, stark abgemagert, aber mit gesundem Appetit, leicht benommen und zerzaust, brachte ich ihn zum Tierarzt. Dort gab es keine Gnade. Ich ging mit einem toten Kater nach Hause und ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung war.

Ich hatte den Eindruck, dass die Tierärztin mir nicht glaubte, dass er gut fraß, dass sie mich sogar dafür verachtete, weil ich nicht schon früher zum „Erlösen“ gekommen war. Ich musste an eine ältere Dame aus der Familie denken, die in diesem Frühjahr laut Aussage zweier Mediziner sterben sollte, die sogar schon Morphium bekam, weil da eh nichts mehr zu machen sei und es sich nur noch um Stunden handeln würde. Aus den Stunden wurden Tage, aus den Tagen Wochen. Inzwischen brettert sie wieder mit ihrem Rollator in einem Affenzahn zum Edeka. Wer entscheidet eigentlich, wann jemand sterben oder weiterleben darf?

Jetzt sitze ich hier und weine und mache mir Vorwürfe, weil ich ihn nicht schon früher habe einschläfern lassen. Oder weil ich ihn zu früh habe einschläfern lassen, denn seine regelmäßigen Sprints zum Kühlschrank sahen für mich eher nicht nach einem Todeswunsch durch Verhungern aus.

Es tut mir so leid, Schrumpel. Deine jahrzehntelange Panik vor Tierärzten, über die ich immer ein bisschen geschmunzelt hatte, war begründet. Ich weiß nicht, ob ich das Richtige getan und dich erlöst habe – oder ob ich dich verraten und auf dem Gewissen habe.

Ohne dich ist es in der Wohnung dröhnend still. Da ist ein Loch in unserer Familie. Du fehlst uns so sehr.

Und wieder die Frage: War es das letzte Buch?

Am aktuellen Manuskript arbeite ich seit einem Jahr. Da ich sehr schnell und konzentriert schreibe, hätte ich die ca. 360 Taschenbuchseiten locker in einem Monat als Rohentwurf im Kasten haben können. Doch fehlen meist Zeit und Ruhe fürs Schreiben, insbesondere fürs Überarbeiten. Deshalb zieht sich alles recht lange hin.

Seit 2012 schreibe und veröffentliche ich im Selfpublishing. Die ersten Jahre noch neben meiner Freelancer-Tätigkeit mit wenig Arbeit und viel Freizeit. Das ist längst anders.

Mit Ausnahme meiner chronischen Beinahe-Unsichtbarkeit als Autorin hat sich im Vergleich zu den Anfangsjahren viel verändert. Mein treuer Schreibbuddy Kater Schrumpel ist inzwischen uralt und schwer krank. Mein damals kleines Kind, das mich zu meinen ersten Schreibversuchen inspirierte, ist fast erwachsen. Auch sprachlich hat sich viel getan. In meiner Social-Media-Blase auf Instagram gibt es keine Blogger oder Autoren mehr, sondern Bloggende, Blogger*innen, Schreibende, Schriftstellende, Autor*innen usw. Weil ich mich dem Trend verschließe, drückt es beim Schreiben aufs Gewissen, denn ich gehöre damit offiziell zum absolut Bösen*. Das belastet mich psychisch seit Jahren.

Gleichzeitig dreht sich die „Guckt mal, wie toll ich bin“-Spirale in der Autorenbubble auf Social Media (besonders Instagram und TikTok) immer schneller und lauter. Hier bin ich als introvertierter Mensch zum Scheitern verurteilt.

Längst funkt auch die KI mit rein, die eine Vielzahl von Veröffentlichungen in die Shops drückt. Da wirkt meine eine Geschichte pro Jahr wie eine flügellahme Mücke, auf die eine Herde Elefanten mit Raketenantrieb zustürmt. Dabei steckt die KI noch in den Kinderschuhen. Wenn ich es richtig einschätze, werden sich KI-generierte Texte in den kommenden Jahren vervielfachen** und sicher auch Einfluss auf das nehmen, was wir für einen guten Schreibstil halten.

Bei jedem Buch stellt sich für mich ein wenig mehr die Frage: Warum schreibst du überhaupt? Es wird ohnehin kaum jemand lesen. Mit jedem Tag wird es unwahrscheinlicher, dass Leser meine Bücher finden, weil sich alles immer schneller dreht und ich mich dagegen in „Slo-Mo“ bewege. Ich schätze, auch bei der kommenden Veröffentlichung werde ich erneut mit vollem Schwung vor eine undurchdringliche Wand prallen, die meine Bücher unsichtbar bleiben lässt.

Dank der omnipräsenten Coaching-Bubble auf Instagram habe ich gelernt, dass Autoren, die an ihrem Schreiben zweifeln, tatsächlich nicht schreiben können. Meine ewigen Zweifel könnten ein Zeichen dafür sein, mich lieber anderen Dingen zu widmen. Zum Beispiel meinem winzigen Hinterhofgarten, der zur Freude der Igel und Wildbienen immer mehr im Chaos versinkt.

Andererseits wäre es im Sinne des Igel- und Wildbienenschutzes besser, wenn ich auch die kommenden Jahre weiterschreibe und den allwissenden Bubble-Coaches auf Instagram den inneren Stinkefinger zeige. Ganz egal, ob sie recht haben oder nicht.

*) Die auf der dunklen Seite hatten schon immer die besseren Kekse. Mit Karamel und Schokolade. Lecker

**) Vorausgesetzt die aktuellen bewaffneten Konflikte schaukeln sich nicht zu einem globalen Krieg hoch. In diesem Falle malen wir unsere Geschichten vielleicht wieder mit Holzkohle und Ocker an die Höhlenwände.

Lang ist’s her: Schreibbuddy Schrumpel in Aktion

Achtung! Romantik.

Während ich diese Zeilen tippe, bin ich sehr müde. Das bin ich meistens, aber dieses Mal hat die Müdigkeit eine ganz andere Qualität. Ich bin vorm Fernseher eingepennt. Es lief diese eine Doku im Streaming-Dienst, ein Blick in die Mannosphäre (Manosphere) und in die Scheinwelt der Muskel-Männer*, die auf Social Media verirrten Teenagern einreden, dass Frauen keine gleichwertigen Menschen sind.

Ich habe wirklich versucht, mir das Ganze anzusehen, doch von so viel grauem Rauschen, was die ultramaskulinen Influencer geplappert hatten, bin ich eingepennt**. Obwohl das, was ich in den ersten zehn Minuten mitbekommen hatte, übles Zeug war. Besonders übel wird es, wenn es in den Hohlköpfen der männlichen Fans nachhallt, die Tag für Tag die Ergüsse ihrer Vorbilder in den sozialen Medien abfeiern.

In mir hallt noch die Leipziger Buchmesse nach. Da gab es diesen Vortrag. In dem ging es unter anderem darum, dass man gewisse Wörter, gewisse Dinge heute so nicht mehr schreiben darf. Deshalb sei das Sensitivity Reading ganz wichtig, bei dem Texte nach verletzenden oder missverständlichen Stellen durchforstet werden. Gleichzeitig war da das Foto, das mir eine begeisterte Leserin zeigte, ein Foto von einem Dark Romance Messestand. Dort hing ein Gemälde über der Attrappe eines Kamins. Das Bild zeigte eine splitternackige Frau, die den Frauen in der Doku zu den Muskel-Alphas wie ein Ei dem anderen glich. Sie kniete devot vor einem halb nackten Alpha-Honk, der ihr eine Pistole an den Kopf hielt. (Was sagen die Sensitivity Readers zu solchen Szenen in romantischen Romanen? Muss man das heute so schreiben? Vermutlich ja. Dank der Diskussionen auf Insta zu dem Thema habe ich gelernt, das sei feministisch und empowernd und nur alte, weiße Literaturkritiker, die im TV vollkommen unsensibel Bestseller in die Tonne hauen, kapieren das nicht.)

Trotzdem bin ich mit Blick auf die gepimpten Typen ratlos. Warum ist dieser Lifestyle so erstrebenswert? Übertrainierte Männer in teuren Autos, die einschläferndes Zeugs plappern und deren einziger Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, mit ihrem Geld anzugeben und sich über künstlich aufgehübschte Frauchen zu erheben.

Der Dark-Romance-Hype passt da ganz gut ins Bild, finde ich. Er scheint hervorragend dazu geeignet zu sein, selbst jenen Teenie-Mädchen, die halbwegs des Lesens mächtig sind, den ganz speziellen Lebensstil der Alpha-Männer und devoten Frauchen als begehrenswerten Sehnsuchtszustand in die Köpfe zu flüstern. Auf diese Weise konditioniert hilft es ihnen vielleicht später im Leben, sich wie ein Stück hirnloses Fleisch behandeln zu lassen. Hauptsache die durchtrainierten Alphas schenken ihnen regelmäßig was Glitzerndes. Und natürlich dürfen sie auch mal im Sportwagen mitfahren.

Zum Glück bin ich chronisch müde. Je mehr ich schlafe, desto weniger bekomme ich von dem ganzen Quatsch mit.

*) Irritiert hat mich die Mimik der Alpha-Kerle. Die wirkte auf mich so, als hätten sie Angst davor, dass jederzeit ihre Mutti sie hart ausschimpfen könnte (was in der besagten Doku sogar mehr oder weniger geschah …)

**) Respekt für die Frauen an ihrer Seite, die das ohne Ohrenbluten aushalten.

Grafik: Pixelmator Pro

Wie ich beinahe den englischsprachigen Buchmarkt aufgerollt hätte

Inzwischen hatte ich die gewisse E-Mail* ebenfalls im Postfach. Genau genommen zweimal kurz hintereinander. Darin stand, ich könne bei einer Betaversion mitmachen und meine E-Books kostenlos und vollautomatisch via KI ins Englische übersetzen lassen, um auch den englischsprachigen Markt zu erschließen.

Die Versuchung ist groß. Nur ein Mausklick und ein Buchmarkt mit 390 Millionen Muttersprachlern und 1,2 Milliarden Menschen, die Englisch als Zweitsprache sprechen**, stünde mir offen. Wenn allein von den 390 Millionen Muttersprachlern nur 1 Prozent ein Herz für untypische Urban Fantasy hätte und davon wiederum nur 1 % dieser Leute meine Bücher lesen würden, könnte ich mir locker ein professionelles Lektorat für alle meine Bücher leisten und ein Korrektorat obendrauf und müsste keine Testleserinnen mehr nerven.

Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Einerseits klingt es mehr als nur verlockend, eine größere Leserschaft zu erreichen. Sicher, die bittere Pille, dass meine Texte zum Trainieren einer KI genutzt würden, müsste ich schlucken. Aber was soll’s? Die Texte sind nur ein Tropfen in einem überquellenden Ozean aus Büchern. Das würde kaum was ausmachen, und der Drops mit der KI ist eh längst gelutscht. Das lässt sich nicht mehr aufhalten. Schon gar nicht von mir.

Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einer KI-Übersetzung etwas entsteht, das wirklich dem entspricht, was ich geschrieben habe. Was ist mit Redewendungen? Mit Humor? Mit Ironie? Mit dem, was ab und zu zwischen den Zeilen hindurchschimmert? Mit Wörtern, die sich nicht 1:1 übersetzen lassen? Die KI würde da sicher drüberhobeln, ohne dass es in der Übersetzung zum Tragen kommt. Das wollte ich keinem Leser antun. Also lasse ich lieber die Finger davon. Auch wenn ich stark vermute, dass bald KI-Übersetzungen aus dem Englischen den deutschen Markt fluten werden (sofern sie es nicht längst tun). Meine eh nahezu unsichtbaren Bücher werden in Zukunft noch unsichtbarer sein.

Gleichzeitig beschleicht mich der Verdacht, dass sich kaum ein Leser an den merkwürdigen KI-Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche stören wird. Hauptsache die Autorennamen, die Protagonisten und die Handlungsorte klingen irgendwie amerikanisch oder wenigstens britisch, schottisch oder irisch. So wie damals, als die bis zur Unlesbarkeit holprig übersetzten Milliardärsromane gern mal ganz vorne in den Verkaufscharts mitgespielt hatten …

Aus unternehmerischer Sicht bin ich unfassbar doof, die KI-Übersetzung abzulehnen. Aus künstlerischer Sicht bleibt mir gar nichts anderes übrig, als darauf zu verzichten.

*) Eigentlich warte ich eher auf Mails wie: Ihr Buch wurde für einen Kindle-Deal bzw. Prime-Reading ausgewählt. Oder: Ihre Bücher sind großartig. Wollen Sie in unserem megakrassen Verlag veröffentlichen? Oder: Dürfen wir Sie zu einer Lesung in unsere Buchhandlung einladen? Ich warte vergeblich.

**) Sagt die KI von der Google-Suche.

Klara Bellis im Selfie-Rausch

Alles fing mit einer E-Mail meines Hörbuchverlags an. Darin stand, dass Ausschnitte aus den Hörbüchern fürs Marketing verwendet werden dürfen. Blieb nur die Frage: Wie verpacke ich eine Audiodatei für das bilderhungrige Social Media?

Als der Schnee fiel, kam mir die Idee, einen Schal zu stricken. Es sollte ein Accessoire werden, das ich für Werbefotos mit dem Taschenbuch von „Wintermaid“ im verschneiten Wald einsetzen wollte. Deshalb lag es nahe, das Schalstricken als eine Art Videoevent zu inszenieren und jeden Tag ein Video auf meine drei Social-Media-Kanäle hochzuladen, bei dem im Hintergrund Auszüge aus dem Hörbuch zu hören waren.

Über mehr als eine Woche hinweg produzierte ich täglich ein bis zwei Videos. Wobei ich aus Zeitgründen nicht alle Videos veröffentlichen konnte. Ich saß an diesen Tagen bis kurz nach Mitternacht am Computer oder am Handy, manchmal an beidem gleichzeitig, und schnitt aus dem zuvor gedrehten Rohmaterial Videos, die für Instagram, Facebook und YouTube Shorts geeignet waren. Morgens kurz nach sechs klingelte der Wecker und es ging ins Büro. Kaum war ich zehn Stunden später wieder zu Hause, fing ich an zu stricken, Videos zu drehen, bis in die Nacht zu schneiden oder mich durch drei Social-Media-Plattformen zu scrollen, um zu schauen, ob die Videos gesehen werden. Ich stand in dieser Woche praktisch 17 bis 18 Stunden am Tag unter Strom.

Tatsächlich hatte die ganze Mühe spürbare Auswirkungen. Natürlich nicht auf die bescheidenen Verkaufszahlen von Buch und Hörbuch, die liegen wie immer bei nahezu null, sondern auf mich selbst.

Während der Videoaktion fühlte es sich an, als würde mein Ego über sich selbst hinauswachsen. Es war ein anhaltender Zustand unterschwelliger Euphorie, genauer die Erwartung, dass jeden Augenblick etwas Großartiges passieren könnte. Unterm Strich ein ungutes Gefühl, denn es sorgte für eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Ich kann nur erahnen, was die andauernde Selbstberauschung auf Social Media mit Menschen macht, die diese Art von Content jeden Tag produzieren. Und was macht es mit uns, die wir diesen Selbstbespiegelungs-Content täglich ungefiltert stundenlang konsumieren?

Trotz der ambivalenten Gefühle, die das Videoexperiment in mir ausgelöst hat, werde ich auch in Zukunft ab und zu ein Video oder ein Selfie hochladen. Was ich mir absolut nicht vorstellen kann, wäre so etwas wie ein TikTok-Kanal, für den ich mehrmals die Woche, über Jahre hinweg, solchen Content produzieren müsste. Das permanente unter Strom stehen würde mir die Kraft und die Konzentration fürs Schreiben rauben.

Eines der Fotos, die ich mit dem extra gestrickten Schal aufgenommen habe. Leider nicht wie geplant im Wald, sondern in der Grünfläche eines Plattenbauviertels

Es dröhnt und schrillt

Vermutlich ist das alles nur Einbildung. Weil ich in einer Bubble gefangen bin. In der Instagram-Bubble der erfolgreichen Autoren und solcher, die es ganz bald sein werden. Oder die es zumindest versuchen. Mein Instafeed ist ein einziger Werbestream, in dem sich jeder so gut, so laut und so schrill verkauft, wie er oder sie kann.

Autoren berichten täglich aufs Neue, wie unfassbar erfolgreich sie sind – und warum. Sie versprechen mir – und allen anderen –, dass wir das auch schaffen können, wenn wir nur hier und da ein bisschen und dort noch … oder gleich das Coaching buchen. Andere hüpfen als Tiere verkleidet über den Monitor, beschwören die Leser mit tiefgründigen Aussagen über ihre Werke, berichten von seelischen Problemen oder von ihren Katzen (was manchmal identisch sein kann. Vertraut mir. Ich weiß, wovon ich schreibe.). Manche jammern trotz tausender Fans und hunderter Likes, dass sie keine Reichweite haben (was mich jedes Mal kurz darüber nachdenken lässt, was ich dort eigentlich verloren habe mit meinen fünf bis zehn Likes, über die ich mich wie Bolle freue …).

Sie übertrumpfen sich gegenseitig mit immer beeindruckenderen KI-Animationen zu ihren Büchern (ich arbeite auch gerade an einer, weiß aber nicht, ob ich es auf die Reihe bekomme …) oder mit unglaublichen Superlativen, die ihre Werke beschreiben (Notiz an mich selbst: Ich muss dringend damit aufhören, mich halb dafür zu entschuldigen, wenn sich mal ein mir unbekannter Leser für eines meiner Bücher interessiert …).

Dann gibt es noch die Coaches, die die absolut allerbesten und einzig wirksamen Tipps und Strategien für erfolgreiches Online-Marketing anpreisen, die aller drei Wochen verlauten lassen, dass die Strategie, die vor drei Wochen noch funktioniert hat, jetzt völlig veraltet sei und alles ganz neu gedacht werden müsse. Auch Verlage schlagen in die Kerbe und fordern offensiv dazu auf, Werbung für die Bücher zu machen, möglichst jeden Tag aufs Neue. Wirklich tagtäglich. Wieder und immer wieder.

Und dann gibt es so Leute wie mich. Ich kann nur staunend – oder verzweifelt – daneben stehen und mich fragen, was das noch mit dem Schreiben von Büchern zu tun hat. Und da ich mir keine Antwort darauf geben kann (außer, so ist nun mal der Kapitalismus und so), kann ich mir nur sagen: Sei nicht verzweifelt. Sei realistisch. Du hast keine Chance, in dem Strudel, in dem du als winziges Teilchen herumwirbelst, tatsächlich wahrgenommen zu werden. Du kannst nur weitermachen und versuchen, inneren Abstand von dem Tornado aus Informationen, Lobpreisungen und sich widersprechenden Erfolgstipps aufzubauen und trotz allem das beste Buch schreiben, das du jemals geschrieben hast. Und wenn’s dieses Mal nicht klappt, dann klappt’s vielleicht beim nächsten Mal.

Content Notes für Klara Bellis

Meine Bücher richten sich an ein erwachsenes Publikum. Es handelt sich ausnahmslos um fiktive Geschichten. Alles, was in meinen Büchern steht, jeder Charakter, jede Begebenheit, ist frei erfunden. Sie bleiben auch in den Büchern – gefangen auf Papier, eingesperrt in Buchstaben. Meine Vampire können euch nicht beißen. Das ist die gute Nachricht.

Dennoch: Auch wenn ich Fantasy schreibe, versuche ich mich am Leben mit all seinen fröhlichen und manchmal auch düstern oder schmerzvollen Aspekten zu orientieren. Meine Charaktere haben viele gute Seiten und auch ein paar Eigenschaften, an denen man sich besser kein Beispiel nehmen sollte. Deshalb erwähne ich auch Verhaltensweisen oder Probleme, die unangenehm sind, sollte man sie im realen Leben selbst erfahren oder bei anderen beobachten. So ist nun mal das Leben, es hat schöne, traurige und grausame Seiten.

In absolut all meinen Geschichten findet ihr deshalb neben witzigen, anrührenden und spannenden Situationen auch:

Sexualität, Gewalt, Trauer, Krankheit, Verlust, Tod, Alkohol, Rauchen, Drogen, Sucht, verstörende oder angstauslösende Szenen, Schimpfwörter, Steuererklärungen

Diese Dinge schwingen (mehr oder weniger) im Hintergrund immer mit. Wenn ihr euch unsicher seid, ob ihr dem gewachsen seid, dann legt das Buch lieber weg und haltet nach anderer Lektüre Ausschau.

Für alle, die sich dennoch trauen: Ich freue mich, dass ihr meine Bücher gefunden habt. Viel Spaß beim Lesen. 🙂

Wenn die Bedürfnispyramide kippt

In meinem Fall hat Schreiben recht viel mit (Ver-)Zweifeln zu tun. Mal verzweifle ich daran, dass ich zu wenig Zeit zum Schreiben finde. Mal, dass meine Geschichten kaum Leser finden. Mal, dass ich nach dem Job vollkommen übermüdet bin und keine Kraft habe, am Manuskript zu arbeiten. Außerdem zweifle ich ständig an meinem Können und meinen Texten (aber das ist schon wieder eine andere Geschichte …).

Im Rückblick sind das alles Luxusprobleme. Es braucht nur einen winzig kleinen Auslöser und schon steht die Bedürfnispyramide Kopf – oder sortiert sich vollkommen neu. Zeit zum Schreiben haben, Leser finden, … im Moment ist alles völlig egal.

Der Auslöser dafür, dass meine Bedürfnispyramide gekippt ist, sind heftige Schmerzen, gegen die ich seit Wochen kämpfe. Arzt, Tabletten und Physiotherapie haben nichts gebracht. Sobald ich am Schreibtisch sitze, überfallen sie mich. Täglich wird es schlimmer. Auf Arbeit schaffe ich es irgendwie durchzuhalten, um dann völlig fertig zu Hause in den Seilen zu hängen (im übertragenen Sinne, denn Seile gibt’s hier nicht).

Trotzdem zieht es mich immer wieder zum Text. Nur um festzustellen, dass die Schmerzen so viel Aufmerksamkeit fordern, dass an Schreiben und Überarbeiten kaum zu denken ist. Das Schreiben (oder Zeichnen … ich würde so gerne den Online-Kurs weitermachen …) ist plötzlich das Egalste auf der Welt. Es wäre mir sogar egal, wenn mein Laptop explodiert und das Manuskript vernichtet wäre. (Na gut. Fast egal.) Die Schmerzen überstrahlen jeden Wunsch nach Selbstverwirklichung. Ich habe nur einen Wunsch, dass die Schmerzen endlich aufhören und ich wieder ich selbst sein kann. Dann würde ich es noch in diesem Jahr schaffen, die erste Überarbeitungsphase des Manuskripts abzuschließen, um es an die zweite Testleserin weiterzugeben.

(Mich um die Einrichtung des Newsletters zu kümmern, kann ich wegen der Schmerzen ebenfalls knicken.)

Selbstvermarktung – genau mein Ding

Das Stativ ist aufgebaut. Das Handy ist ausgerichtet. Es wackelt nur ein wenig. Das Licht ist jetzt im November eher mau, geht aber gerade so. Ich will ein Video für eine Promo-Aktion aufnehmen, an der ich teilnehmen darf.

Ja, ich weiß, Sichtbarkeit ist wichtig. Sehen die Leser meine Bücher und sogar die dazugehörige Autorin, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand tatsächlich in das reinliest, was ich geschrieben habe. So jedenfalls die Theorie.

Auf Instagram ist meine Reichweite inzwischen völlig eingebrochen. Auf Facebook schon lange. Wenn ich Textschnipsel veröffentliche, sehen das keine 100 Leute. Fünf oder sieben Herzen sind auf Instagram schon viel. Vor einigen Jahren waren es noch weit über zwanzig, und das für jeden noch so belanglosen Schnappschuss, den ich damals bei nur einem Bruchteil von Followern gepostet hatte.

Gleichzeitig sehe ich viele Autoren (m/w/d) Videos veröffentlichen, in denen sie die Vorzüge ihrer Bücher anpreisen. Bei manchen habe ich den Eindruck, sie machen das auf eine professionelle Weise authentisch, dass mich die große Reichweite ihrer Videos und das viele Feedback kaum wundert – selbst wenn sie noch kein Buch veröffentlicht haben, sondern über die Arbeit an ihrem Debütroman berichten. Andere erinnern mich an Gebrauchtwagenhändler, die das „Kindle-Business“ rocken und genau wissen, wo sie welches Wort, welchen Augenaufschlag, welche Geste platzieren müssen, um sich die Reichweite zu verdienen, die sie haben. Dann gibt es Leute, die wirklich authentisch rüberkommen, die schon fast verzweifelt von ihren Büchern erzählen, sich immer wieder neue Themen ausdenken, mit denen sie auf immer dieselben Bücher aufmerksam machen. Auch wenn sie sich noch so ins Zeug legen, bleibt ihre Reichweite überschaubar. Sie sind wirklich 100% authentisch, ganz normale Leute anstatt charismatischer Persönlichkeiten oder lässig-verpeilter Künstlertypen. Nur scheint das keine Reichweite zu bringen, auch wenn es immer heißt, man solle unbedingt authentisch sein. (Ich habe inzwischen den Verdacht, dass es ein richtiges und ein falsches Authentisch gibt …)

Ich zähle mich zur letzteren Gruppe, auch wenn ich selbst eher sparsam Selfies oder gar Videos von mir veröffentliche. Ich kann auch nicht einschätzen, wie wichtig die Präsenz auf Social Media wirklich ist. Mich nervt dort (Eigen-)Werbung eher. Gleichzeitig mache ich es selbst, weil es alle machen. Dabei bin ich völlig langweilig, absolut uninteressant. Interessant sind nur die Geschichten, die ich erzähle. Aber die wird niemand lesen oder hören, wenn niemand davon weiß. Und deshalb werde ich jetzt das Video aufnehmen. Auch wenn das Licht immer schlechter wird und das Stativ samt dem daran festgeschraubten Handy ein bisschen wackelt.

Blick in einen kahlen Baum mit fliegenden Krähen