Inzwischen hatte ich die gewisse E-Mail* ebenfalls im Postfach. Genau genommen zweimal kurz hintereinander. Darin stand, ich könne bei einer Betaversion mitmachen und meine E-Books kostenlos und vollautomatisch via KI ins Englische übersetzen lassen, um auch den englischsprachigen Markt zu erschließen.
Die Versuchung ist groß. Nur ein Mausklick und ein Buchmarkt mit 390 Millionen Muttersprachlern und 1,2 Milliarden Menschen, die Englisch als Zweitsprache sprechen**, stünde mir offen. Wenn allein von den 390 Millionen Muttersprachlern nur 1 Prozent ein Herz für untypische Urban Fantasy hätte und davon wiederum nur 1 % dieser Leute meine Bücher lesen würden, könnte ich mir locker ein professionelles Lektorat für alle meine Bücher leisten und ein Korrektorat obendrauf und müsste keine Testleserinnen mehr nerven.
Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Einerseits klingt es mehr als nur verlockend, eine größere Leserschaft zu erreichen. Sicher, die bittere Pille, dass meine Texte zum Trainieren einer KI genutzt würden, müsste ich schlucken. Aber was soll’s? Die Texte sind nur ein Tropfen in einem überquellenden Ozean aus Büchern. Das würde kaum was ausmachen, und der Drops mit der KI ist eh längst gelutscht. Das lässt sich nicht mehr aufhalten. Schon gar nicht von mir.
Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einer KI-Übersetzung etwas entsteht, das wirklich dem entspricht, was ich geschrieben habe. Was ist mit Redewendungen? Mit Humor? Mit Ironie? Mit dem, was ab und zu zwischen den Zeilen hindurchschimmert? Mit Wörtern, die sich nicht 1:1 übersetzen lassen? Die KI würde da sicher drüberhobeln, ohne dass es in der Übersetzung zum Tragen kommt. Das wollte ich keinem Leser antun. Also lasse ich lieber die Finger davon. Auch wenn ich stark vermute, dass bald KI-Übersetzungen aus dem Englischen den deutschen Markt fluten werden (sofern sie es nicht längst tun). Meine eh nahezu unsichtbaren Bücher werden in Zukunft noch unsichtbarer sein.
Gleichzeitig beschleicht mich der Verdacht, dass sich kaum ein Leser an den merkwürdigen KI-Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche stören wird. Hauptsache die Autorennamen, die Protagonisten und die Handlungsorte klingen irgendwie amerikanisch oder wenigstens britisch, schottisch oder irisch. So wie damals, als die bis zur Unlesbarkeit holprig übersetzten Milliardärsromane gern mal ganz vorne in den Verkaufscharts mitgespielt hatten …
Aus unternehmerischer Sicht bin ich unfassbar doof, die KI-Übersetzung abzulehnen. Aus künstlerischer Sicht bleibt mir gar nichts anderes übrig, als darauf zu verzichten.
*) Eigentlich warte ich eher auf Mails wie: Ihr Buch wurde für einen Kindle-Deal bzw. Prime-Reading ausgewählt. Oder: Ihre Bücher sind großartig. Wollen Sie in unserem megakrassen Verlag veröffentlichen? Oder: Dürfen wir Sie zu einer Lesung in unsere Buchhandlung einladen? Ich warte vergeblich.
**) Sagt die KI von der Google-Suche.











