Und wieder die Frage: War es das letzte Buch?

Am aktuellen Manuskript arbeite ich seit einem Jahr. Da ich sehr schnell und konzentriert schreibe, hätte ich die ca. 360 Taschenbuchseiten locker in einem Monat als Rohentwurf im Kasten haben können. Doch fehlen meist Zeit und Ruhe fürs Schreiben, insbesondere fürs Überarbeiten. Deshalb zieht sich alles recht lange hin.

Seit 2012 schreibe und veröffentliche ich im Selfpublishing. Die ersten Jahre noch neben meiner Freelancer-Tätigkeit mit wenig Arbeit und viel Freizeit. Das ist längst anders.

Mit Ausnahme meiner chronischen Beinahe-Unsichtbarkeit als Autorin hat sich im Vergleich zu den Anfangsjahren viel verändert. Mein treuer Schreibbuddy Kater Schrumpel ist inzwischen uralt und schwer krank. Mein damals kleines Kind, das mich zu meinen ersten Schreibversuchen inspirierte, ist fast erwachsen. Auch sprachlich hat sich viel getan. In meiner Social-Media-Blase auf Instagram gibt es keine Blogger oder Autoren mehr, sondern Bloggende, Blogger*innen, Schreibende, Schriftstellende, Autor*innen usw. Weil ich mich dem Trend verschließe, drückt es beim Schreiben aufs Gewissen, denn ich gehöre damit offiziell zum absolut Bösen*. Das belastet mich psychisch seit Jahren.

Gleichzeitig dreht sich die „Guckt mal, wie toll ich bin“-Spirale in der Autorenbubble auf Social Media (besonders Instagram und TikTok) immer schneller und lauter. Hier bin ich als introvertierter Mensch zum Scheitern verurteilt.

Längst funkt auch die KI mit rein, die eine Vielzahl von Veröffentlichungen in die Shops drückt. Da wirkt meine eine Geschichte pro Jahr wie eine flügellahme Mücke, auf die eine Herde Elefanten mit Raketenantrieb zustürmt. Dabei steckt die KI noch in den Kinderschuhen. Wenn ich es richtig einschätze, werden sich KI-generierte Texte in den kommenden Jahren vervielfachen** und sicher auch Einfluss auf das nehmen, was wir für einen guten Schreibstil halten.

Bei jedem Buch stellt sich für mich ein wenig mehr die Frage: Warum schreibst du überhaupt? Es wird ohnehin kaum jemand lesen. Mit jedem Tag wird es unwahrscheinlicher, dass Leser meine Bücher finden, weil sich alles immer schneller dreht und ich mich dagegen in „Slo-Mo“ bewege. Ich schätze, auch bei der kommenden Veröffentlichung werde ich erneut mit vollem Schwung vor eine undurchdringliche Wand prallen, die meine Bücher unsichtbar bleiben lässt.

Dank der omnipräsenten Coaching-Bubble auf Instagram habe ich gelernt, dass Autoren, die an ihrem Schreiben zweifeln, tatsächlich nicht schreiben können. Meine ewigen Zweifel könnten ein Zeichen dafür sein, mich lieber anderen Dingen zu widmen. Zum Beispiel meinem winzigen Hinterhofgarten, der zur Freude der Igel und Wildbienen immer mehr im Chaos versinkt.

Andererseits wäre es im Sinne des Igel- und Wildbienenschutzes besser, wenn ich auch die kommenden Jahre weiterschreibe und den allwissenden Bubble-Coaches auf Instagram den inneren Stinkefinger zeige. Ganz egal, ob sie recht haben oder nicht.

*) Die auf der dunklen Seite hatten schon immer die besseren Kekse. Mit Karamel und Schokolade. Lecker

**) Vorausgesetzt die aktuellen bewaffneten Konflikte schaukeln sich nicht zu einem globalen Krieg hoch. In diesem Falle malen wir unsere Geschichten vielleicht wieder mit Holzkohle und Ocker an die Höhlenwände.

Lang ist’s her: Schreibbuddy Schrumpel in Aktion

Achtung! Romantik.

Während ich diese Zeilen tippe, bin ich sehr müde. Das bin ich meistens, aber dieses Mal hat die Müdigkeit eine ganz andere Qualität. Ich bin vorm Fernseher eingepennt. Es lief diese eine Doku im Streaming-Dienst, ein Blick in die Mannosphäre (Manosphere) und in die Scheinwelt der Muskel-Männer*, die auf Social Media verirrten Teenagern einreden, dass Frauen keine gleichwertigen Menschen sind.

Ich habe wirklich versucht, mir das Ganze anzusehen, doch von so viel grauem Rauschen, was die ultramaskulinen Influencer geplappert hatten, bin ich eingepennt**. Obwohl das, was ich in den ersten zehn Minuten mitbekommen hatte, übles Zeug war. Besonders übel wird es, wenn es in den Hohlköpfen der männlichen Fans nachhallt, die Tag für Tag die Ergüsse ihrer Vorbilder in den sozialen Medien abfeiern.

In mir hallt noch die Leipziger Buchmesse nach. Da gab es diesen Vortrag. In dem ging es unter anderem darum, dass man gewisse Wörter, gewisse Dinge heute so nicht mehr schreiben darf. Deshalb sei das Sensitivity Reading ganz wichtig, bei dem Texte nach verletzenden oder missverständlichen Stellen durchforstet werden. Gleichzeitig war da das Foto, das mir eine begeisterte Leserin zeigte, ein Foto von einem Dark Romance Messestand. Dort hing ein Gemälde über der Attrappe eines Kamins. Das Bild zeigte eine splitternackige Frau, die den Frauen in der Doku zu den Muskel-Alphas wie ein Ei dem anderen glich. Sie kniete devot vor einem halb nackten Alpha-Honk, der ihr eine Pistole an den Kopf hielt. (Was sagen die Sensitivity Readers zu solchen Szenen in romantischen Romanen? Muss man das heute so schreiben? Vermutlich ja. Dank der Diskussionen auf Insta zu dem Thema habe ich gelernt, das sei feministisch und empowernd und nur alte, weiße Literaturkritiker, die im TV vollkommen unsensibel Bestseller in die Tonne hauen, kapieren das nicht.)

Trotzdem bin ich mit Blick auf die gepimpten Typen ratlos. Warum ist dieser Lifestyle so erstrebenswert? Übertrainierte Männer in teuren Autos, die einschläferndes Zeugs plappern und deren einziger Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, mit ihrem Geld anzugeben und sich über künstlich aufgehübschte Frauchen zu erheben.

Der Dark-Romance-Hype passt da ganz gut ins Bild, finde ich. Er scheint hervorragend dazu geeignet zu sein, selbst jenen Teenie-Mädchen, die halbwegs des Lesens mächtig sind, den ganz speziellen Lebensstil der Alpha-Männer und devoten Frauchen als begehrenswerten Sehnsuchtszustand in die Köpfe zu flüstern. Auf diese Weise konditioniert hilft es ihnen vielleicht später im Leben, sich wie ein Stück hirnloses Fleisch behandeln zu lassen. Hauptsache die durchtrainierten Alphas schenken ihnen regelmäßig was Glitzerndes. Und natürlich dürfen sie auch mal im Sportwagen mitfahren.

Zum Glück bin ich chronisch müde. Je mehr ich schlafe, desto weniger bekomme ich von dem ganzen Quatsch mit.

*) Irritiert hat mich die Mimik der Alpha-Kerle. Die wirkte auf mich so, als hätten sie Angst davor, dass jederzeit ihre Mutti sie hart ausschimpfen könnte (was in der besagten Doku sogar mehr oder weniger geschah …)

**) Respekt für die Frauen an ihrer Seite, die das ohne Ohrenbluten aushalten.

Grafik: Pixelmator Pro

Wie ich beinahe den englischsprachigen Buchmarkt aufgerollt hätte

Inzwischen hatte ich die gewisse E-Mail* ebenfalls im Postfach. Genau genommen zweimal kurz hintereinander. Darin stand, ich könne bei einer Betaversion mitmachen und meine E-Books kostenlos und vollautomatisch via KI ins Englische übersetzen lassen, um auch den englischsprachigen Markt zu erschließen.

Die Versuchung ist groß. Nur ein Mausklick und ein Buchmarkt mit 390 Millionen Muttersprachlern und 1,2 Milliarden Menschen, die Englisch als Zweitsprache sprechen**, stünde mir offen. Wenn allein von den 390 Millionen Muttersprachlern nur 1 Prozent ein Herz für untypische Urban Fantasy hätte und davon wiederum nur 1 % dieser Leute meine Bücher lesen würden, könnte ich mir locker ein professionelles Lektorat für alle meine Bücher leisten und ein Korrektorat obendrauf und müsste keine Testleserinnen mehr nerven.

Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Einerseits klingt es mehr als nur verlockend, eine größere Leserschaft zu erreichen. Sicher, die bittere Pille, dass meine Texte zum Trainieren einer KI genutzt würden, müsste ich schlucken. Aber was soll’s? Die Texte sind nur ein Tropfen in einem überquellenden Ozean aus Büchern. Das würde kaum was ausmachen, und der Drops mit der KI ist eh längst gelutscht. Das lässt sich nicht mehr aufhalten. Schon gar nicht von mir.

Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei einer KI-Übersetzung etwas entsteht, das wirklich dem entspricht, was ich geschrieben habe. Was ist mit Redewendungen? Mit Humor? Mit Ironie? Mit dem, was ab und zu zwischen den Zeilen hindurchschimmert? Mit Wörtern, die sich nicht 1:1 übersetzen lassen? Die KI würde da sicher drüberhobeln, ohne dass es in der Übersetzung zum Tragen kommt. Das wollte ich keinem Leser antun. Also lasse ich lieber die Finger davon. Auch wenn ich stark vermute, dass bald KI-Übersetzungen aus dem Englischen den deutschen Markt fluten werden (sofern sie es nicht längst tun). Meine eh nahezu unsichtbaren Bücher werden in Zukunft noch unsichtbarer sein.

Gleichzeitig beschleicht mich der Verdacht, dass sich kaum ein Leser an den merkwürdigen KI-Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche stören wird. Hauptsache die Autorennamen, die Protagonisten und die Handlungsorte klingen irgendwie amerikanisch oder wenigstens britisch, schottisch oder irisch. So wie damals, als die bis zur Unlesbarkeit holprig übersetzten Milliardärsromane gern mal ganz vorne in den Verkaufscharts mitgespielt hatten …

Aus unternehmerischer Sicht bin ich unfassbar doof, die KI-Übersetzung abzulehnen. Aus künstlerischer Sicht bleibt mir gar nichts anderes übrig, als darauf zu verzichten.

*) Eigentlich warte ich eher auf Mails wie: Ihr Buch wurde für einen Kindle-Deal bzw. Prime-Reading ausgewählt. Oder: Ihre Bücher sind großartig. Wollen Sie in unserem megakrassen Verlag veröffentlichen? Oder: Dürfen wir Sie zu einer Lesung in unsere Buchhandlung einladen? Ich warte vergeblich.

**) Sagt die KI von der Google-Suche.

Klara Bellis im Selfie-Rausch

Alles fing mit einer E-Mail meines Hörbuchverlags an. Darin stand, dass Ausschnitte aus den Hörbüchern fürs Marketing verwendet werden dürfen. Blieb nur die Frage: Wie verpacke ich eine Audiodatei für das bilderhungrige Social Media?

Als der Schnee fiel, kam mir die Idee, einen Schal zu stricken. Es sollte ein Accessoire werden, das ich für Werbefotos mit dem Taschenbuch von „Wintermaid“ im verschneiten Wald einsetzen wollte. Deshalb lag es nahe, das Schalstricken als eine Art Videoevent zu inszenieren und jeden Tag ein Video auf meine drei Social-Media-Kanäle hochzuladen, bei dem im Hintergrund Auszüge aus dem Hörbuch zu hören waren.

Über mehr als eine Woche hinweg produzierte ich täglich ein bis zwei Videos. Wobei ich aus Zeitgründen nicht alle Videos veröffentlichen konnte. Ich saß an diesen Tagen bis kurz nach Mitternacht am Computer oder am Handy, manchmal an beidem gleichzeitig, und schnitt aus dem zuvor gedrehten Rohmaterial Videos, die für Instagram, Facebook und YouTube Shorts geeignet waren. Morgens kurz nach sechs klingelte der Wecker und es ging ins Büro. Kaum war ich zehn Stunden später wieder zu Hause, fing ich an zu stricken, Videos zu drehen, bis in die Nacht zu schneiden oder mich durch drei Social-Media-Plattformen zu scrollen, um zu schauen, ob die Videos gesehen werden. Ich stand in dieser Woche praktisch 17 bis 18 Stunden am Tag unter Strom.

Tatsächlich hatte die ganze Mühe spürbare Auswirkungen. Natürlich nicht auf die bescheidenen Verkaufszahlen von Buch und Hörbuch, die liegen wie immer bei nahezu null, sondern auf mich selbst.

Während der Videoaktion fühlte es sich an, als würde mein Ego über sich selbst hinauswachsen. Es war ein anhaltender Zustand unterschwelliger Euphorie, genauer die Erwartung, dass jeden Augenblick etwas Großartiges passieren könnte. Unterm Strich ein ungutes Gefühl, denn es sorgte für eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Ich kann nur erahnen, was die andauernde Selbstberauschung auf Social Media mit Menschen macht, die diese Art von Content jeden Tag produzieren. Und was macht es mit uns, die wir diesen Selbstbespiegelungs-Content täglich ungefiltert stundenlang konsumieren?

Trotz der ambivalenten Gefühle, die das Videoexperiment in mir ausgelöst hat, werde ich auch in Zukunft ab und zu ein Video oder ein Selfie hochladen. Was ich mir absolut nicht vorstellen kann, wäre so etwas wie ein TikTok-Kanal, für den ich mehrmals die Woche, über Jahre hinweg, solchen Content produzieren müsste. Das permanente unter Strom stehen würde mir die Kraft und die Konzentration fürs Schreiben rauben.

Eines der Fotos, die ich mit dem extra gestrickten Schal aufgenommen habe. Leider nicht wie geplant im Wald, sondern in der Grünfläche eines Plattenbauviertels

Es dröhnt und schrillt

Vermutlich ist das alles nur Einbildung. Weil ich in einer Bubble gefangen bin. In der Instagram-Bubble der erfolgreichen Autoren und solcher, die es ganz bald sein werden. Oder die es zumindest versuchen. Mein Instafeed ist ein einziger Werbestream, in dem sich jeder so gut, so laut und so schrill verkauft, wie er oder sie kann.

Autoren berichten täglich aufs Neue, wie unfassbar erfolgreich sie sind – und warum. Sie versprechen mir – und allen anderen –, dass wir das auch schaffen können, wenn wir nur hier und da ein bisschen und dort noch … oder gleich das Coaching buchen. Andere hüpfen als Tiere verkleidet über den Monitor, beschwören die Leser mit tiefgründigen Aussagen über ihre Werke, berichten von seelischen Problemen oder von ihren Katzen (was manchmal identisch sein kann. Vertraut mir. Ich weiß, wovon ich schreibe.). Manche jammern trotz tausender Fans und hunderter Likes, dass sie keine Reichweite haben (was mich jedes Mal kurz darüber nachdenken lässt, was ich dort eigentlich verloren habe mit meinen fünf bis zehn Likes, über die ich mich wie Bolle freue …).

Sie übertrumpfen sich gegenseitig mit immer beeindruckenderen KI-Animationen zu ihren Büchern (ich arbeite auch gerade an einer, weiß aber nicht, ob ich es auf die Reihe bekomme …) oder mit unglaublichen Superlativen, die ihre Werke beschreiben (Notiz an mich selbst: Ich muss dringend damit aufhören, mich halb dafür zu entschuldigen, wenn sich mal ein mir unbekannter Leser für eines meiner Bücher interessiert …).

Dann gibt es noch die Coaches, die die absolut allerbesten und einzig wirksamen Tipps und Strategien für erfolgreiches Online-Marketing anpreisen, die aller drei Wochen verlauten lassen, dass die Strategie, die vor drei Wochen noch funktioniert hat, jetzt völlig veraltet sei und alles ganz neu gedacht werden müsse. Auch Verlage schlagen in die Kerbe und fordern offensiv dazu auf, Werbung für die Bücher zu machen, möglichst jeden Tag aufs Neue. Wirklich tagtäglich. Wieder und immer wieder.

Und dann gibt es so Leute wie mich. Ich kann nur staunend – oder verzweifelt – daneben stehen und mich fragen, was das noch mit dem Schreiben von Büchern zu tun hat. Und da ich mir keine Antwort darauf geben kann (außer, so ist nun mal der Kapitalismus und so), kann ich mir nur sagen: Sei nicht verzweifelt. Sei realistisch. Du hast keine Chance, in dem Strudel, in dem du als winziges Teilchen herumwirbelst, tatsächlich wahrgenommen zu werden. Du kannst nur weitermachen und versuchen, inneren Abstand von dem Tornado aus Informationen, Lobpreisungen und sich widersprechenden Erfolgstipps aufzubauen und trotz allem das beste Buch schreiben, das du jemals geschrieben hast. Und wenn’s dieses Mal nicht klappt, dann klappt’s vielleicht beim nächsten Mal.

Content Notes für Klara Bellis

Meine Bücher richten sich an ein erwachsenes Publikum. Es handelt sich ausnahmslos um fiktive Geschichten. Alles, was in meinen Büchern steht, jeder Charakter, jede Begebenheit, ist frei erfunden. Sie bleiben auch in den Büchern – gefangen auf Papier, eingesperrt in Buchstaben. Meine Vampire können euch nicht beißen. Das ist die gute Nachricht.

Dennoch: Auch wenn ich Fantasy schreibe, versuche ich mich am Leben mit all seinen fröhlichen und manchmal auch düstern oder schmerzvollen Aspekten zu orientieren. Meine Charaktere haben viele gute Seiten und auch ein paar Eigenschaften, an denen man sich besser kein Beispiel nehmen sollte. Deshalb erwähne ich auch Verhaltensweisen oder Probleme, die unangenehm sind, sollte man sie im realen Leben selbst erfahren oder bei anderen beobachten. So ist nun mal das Leben, es hat schöne, traurige und grausame Seiten.

In absolut all meinen Geschichten findet ihr deshalb neben witzigen, anrührenden und spannenden Situationen auch:

Sexualität, Gewalt, Trauer, Krankheit, Verlust, Tod, Alkohol, Rauchen, Drogen, Sucht, verstörende oder angstauslösende Szenen, Schimpfwörter, Steuererklärungen

Diese Dinge schwingen (mehr oder weniger) im Hintergrund immer mit. Wenn ihr euch unsicher seid, ob ihr dem gewachsen seid, dann legt das Buch lieber weg und haltet nach anderer Lektüre Ausschau.

Für alle, die sich dennoch trauen: Ich freue mich, dass ihr meine Bücher gefunden habt. Viel Spaß beim Lesen. 🙂

Wenn die Bedürfnispyramide kippt

In meinem Fall hat Schreiben recht viel mit (Ver-)Zweifeln zu tun. Mal verzweifle ich daran, dass ich zu wenig Zeit zum Schreiben finde. Mal, dass meine Geschichten kaum Leser finden. Mal, dass ich nach dem Job vollkommen übermüdet bin und keine Kraft habe, am Manuskript zu arbeiten. Außerdem zweifle ich ständig an meinem Können und meinen Texten (aber das ist schon wieder eine andere Geschichte …).

Im Rückblick sind das alles Luxusprobleme. Es braucht nur einen winzig kleinen Auslöser und schon steht die Bedürfnispyramide Kopf – oder sortiert sich vollkommen neu. Zeit zum Schreiben haben, Leser finden, … im Moment ist alles völlig egal.

Der Auslöser dafür, dass meine Bedürfnispyramide gekippt ist, sind heftige Schmerzen, gegen die ich seit Wochen kämpfe. Arzt, Tabletten und Physiotherapie haben nichts gebracht. Sobald ich am Schreibtisch sitze, überfallen sie mich. Täglich wird es schlimmer. Auf Arbeit schaffe ich es irgendwie durchzuhalten, um dann völlig fertig zu Hause in den Seilen zu hängen (im übertragenen Sinne, denn Seile gibt’s hier nicht).

Trotzdem zieht es mich immer wieder zum Text. Nur um festzustellen, dass die Schmerzen so viel Aufmerksamkeit fordern, dass an Schreiben und Überarbeiten kaum zu denken ist. Das Schreiben (oder Zeichnen … ich würde so gerne den Online-Kurs weitermachen …) ist plötzlich das Egalste auf der Welt. Es wäre mir sogar egal, wenn mein Laptop explodiert und das Manuskript vernichtet wäre. (Na gut. Fast egal.) Die Schmerzen überstrahlen jeden Wunsch nach Selbstverwirklichung. Ich habe nur einen Wunsch, dass die Schmerzen endlich aufhören und ich wieder ich selbst sein kann. Dann würde ich es noch in diesem Jahr schaffen, die erste Überarbeitungsphase des Manuskripts abzuschließen, um es an die zweite Testleserin weiterzugeben.

(Mich um die Einrichtung des Newsletters zu kümmern, kann ich wegen der Schmerzen ebenfalls knicken.)

Selbstvermarktung – genau mein Ding

Das Stativ ist aufgebaut. Das Handy ist ausgerichtet. Es wackelt nur ein wenig. Das Licht ist jetzt im November eher mau, geht aber gerade so. Ich will ein Video für eine Promo-Aktion aufnehmen, an der ich teilnehmen darf.

Ja, ich weiß, Sichtbarkeit ist wichtig. Sehen die Leser meine Bücher und sogar die dazugehörige Autorin, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand tatsächlich in das reinliest, was ich geschrieben habe. So jedenfalls die Theorie.

Auf Instagram ist meine Reichweite inzwischen völlig eingebrochen. Auf Facebook schon lange. Wenn ich Textschnipsel veröffentliche, sehen das keine 100 Leute. Fünf oder sieben Herzen sind auf Instagram schon viel. Vor einigen Jahren waren es noch weit über zwanzig, und das für jeden noch so belanglosen Schnappschuss, den ich damals bei nur einem Bruchteil von Followern gepostet hatte.

Gleichzeitig sehe ich viele Autoren (m/w/d) Videos veröffentlichen, in denen sie die Vorzüge ihrer Bücher anpreisen. Bei manchen habe ich den Eindruck, sie machen das auf eine professionelle Weise authentisch, dass mich die große Reichweite ihrer Videos und das viele Feedback kaum wundert – selbst wenn sie noch kein Buch veröffentlicht haben, sondern über die Arbeit an ihrem Debütroman berichten. Andere erinnern mich an Gebrauchtwagenhändler, die das „Kindle-Business“ rocken und genau wissen, wo sie welches Wort, welchen Augenaufschlag, welche Geste platzieren müssen, um sich die Reichweite zu verdienen, die sie haben. Dann gibt es Leute, die wirklich authentisch rüberkommen, die schon fast verzweifelt von ihren Büchern erzählen, sich immer wieder neue Themen ausdenken, mit denen sie auf immer dieselben Bücher aufmerksam machen. Auch wenn sie sich noch so ins Zeug legen, bleibt ihre Reichweite überschaubar. Sie sind wirklich 100% authentisch, ganz normale Leute anstatt charismatischer Persönlichkeiten oder lässig-verpeilter Künstlertypen. Nur scheint das keine Reichweite zu bringen, auch wenn es immer heißt, man solle unbedingt authentisch sein. (Ich habe inzwischen den Verdacht, dass es ein richtiges und ein falsches Authentisch gibt …)

Ich zähle mich zur letzteren Gruppe, auch wenn ich selbst eher sparsam Selfies oder gar Videos von mir veröffentliche. Ich kann auch nicht einschätzen, wie wichtig die Präsenz auf Social Media wirklich ist. Mich nervt dort (Eigen-)Werbung eher. Gleichzeitig mache ich es selbst, weil es alle machen. Dabei bin ich völlig langweilig, absolut uninteressant. Interessant sind nur die Geschichten, die ich erzähle. Aber die wird niemand lesen oder hören, wenn niemand davon weiß. Und deshalb werde ich jetzt das Video aufnehmen. Auch wenn das Licht immer schlechter wird und das Stativ samt dem daran festgeschraubten Handy ein bisschen wackelt.

Blick in einen kahlen Baum mit fliegenden Krähen

Scheitern für Fortgeschrittene

Nachdem ich letztes Jahr mit „Die Blutphiole“ grandios gescheitert bin (wie eigentlich jedes Mal, wenn ich was veröffentliche), war der Frust so groß, dass das „Ich schreibe lieber nie wieder was“ stärker war als je zuvor.

Leider ist das Schreiben auch ein bisschen eine Sucht. Und dann schwirren permanent abwegige Ideen durch die Luft, landen auf meiner Schulter, von wo aus sie in mein Ohr krabbeln und mir irgendwelche absonderlichen Geschichten zuflüstern, die aufgeschrieben werden wollen. Also habe ich es wieder getan und erneut einen Urban-Fantasy-Roman verfasst. Nur dieses Mal noch langsamer1 als sonst. Wort für Wort, Satz für Satz, Kapitel für Kapitel ist wieder eine der abwegigen Geschichten gewachsen, die stur alle gängigen Tropes ignoriert oder sie vor den Baum fährt, die sich romantischen Anklängen verweigert und da, wo sie aufzublitzen drohen, ebenfalls vor den Baum fährt. Die mit klassischen Wesen aus der Phantastik spielt, sie rotzfrech anders interpretiert und dadurch sämtliche Lesererwartungen – wie sollte es anders sein – mit Schwung vor den Baum fährt. Aber so richtig volle Pulle. Herausgekommen ist Urban Fantasy, wie sie vermutlich nur sehr wenige Menschen lesen wollen.

Mal abgesehen von meiner völligen Talentlosigkeit beim Buchmarketing sind alle Weichen gestellt, dass ich auch mit dem kommenden Buch herausfinden werde, wie Rücklichter von hinten aussehen. Dabei weiß ich das doch längst. Aber man kann es ja ruhig ein Mal pro Jahr auffrischen. Sicher wird’s für irgendwas gut sein.

Um mich daran zu erinnern, dass ich dennoch Freude während des Schreibprozesses hatte, weil sich mir im Rahmen der Recherche ganz neue Welten eröffnet haben (na gut, es waren eher finsterste Abgründe), schreibe ich diesen Blogtext. Auch wenn am Ende nur wenige Leute das Buch in den Webshops finden werden (wobei das Risiko recht hoch ist, dass sich die Leser enttäuscht abwenden, weil ich sämtliche Tropes missachtet, verkackt oder was ganz anderes geschrieben habe, als sie eigentlich lesen wollten …), wird mich dieser Text hoffentlich daran erinnern, dass es beim Schreibprozess nicht zwingend um zukünftigen kommerziellen2 Erfolg geht, sondern ums Schreiben an sich.

Zwei Porträts in schwarz-Weiß. Links eine junge Frau, deren Haut wie die einer Echse geschuppt ist und bei der dämonenhafte Flügel zu erahnen sind. Rechts ein junger Mann mit dunklem Haar, Hirschohren und Hirschgeweih.
Lumiel Schattenkriecher und Jelen: Skizzen zu zwei Charakteren aus dem aktuellen Manuskript
  1. Ich sage nur: „Gender Care Gap“. ↩︎
  2. Wobei kommerzieller Erfolg auch mal ganz nett wäre. Allein schon mit Blick auf die kommende Tierarztrechnung. ↩︎

Betreute Sprache

Dieser Tage gehen Meldungen, Memes und Karikaturen durch Social Media: Vegetarische und vegane Lebensmittel dürfen nicht mehr mit „Wurst“ oder „Schnitzel“ bezeichnet werden. Das Europaparlament will es so, um uns alle zu beschützen.

Das ist voll lieb, dass wir als Verbraucher so gut betreut und beschützt werden. Würden wir doch als geistige Tiefflieger niemals aus eigener Kraft merken, dass in einer Wurst auf Tofubasis keine toten Tiere verwurstet sind, sondern Tofu – selbst wenn es riesengroß auf der Verpackung steht. Da muss uns schon jemand liebevoll an die Hand nehmen, sanft übers Köpfchen streicheln und sagen: „Alles nicht so schlimm. Guck mal, ich beschütze dich.“

Zu den Dummies muss ich mich dazuzählen, war ich doch bisher so naiv, zu glauben, dass es bei Wörtern wie „Wurst“, „Geschnetzeltes“ oder „Milch“ eher um Konsistenz und Form ging und nicht so sehr um die inhaltliche Zusammensetzung. Man denke nur an die „Kackwurst“, die vermutlich bei so gut wie niemandem auf dem Grill landet. Oder die „Scheuermilch“, die extrem selten in den Kaffee gekippt wird. (Außer, man gehört zur Spezies der Olchis.) Dachte ich zumindest. Solche gebräuchlichen Wörter plötzlich zu verbieten, ergibt für mich absolut keinen Sinn. Was ist mit der Gletschermilch? Dem Milchsaft aus dem Löwenzahn? Den Rübenschnitzeln als Tierfutter? Müssen wir da jetzt auch umlernen?

Finde den Imposter: Wer tut nur so, als wäre er eine Wurst aus Fleisch und chemischem Zeugs? Und wer tut so, als wäre er eine Gurke?

Wörter zu verbieten, die sich zwangsläufig aus sprachlogischen Verknüpfungen ergeben, ist in meinen Augen übergriffiges Verhalten, das sich in aufdringlicher Weise ins echte Leben einmischt. Ironischerweise erinnert mich das an die glühenden Verfechter der Gendersprache. Vollkommen selbstlos arbeiten sie nagelneue Sprachregeln aus und helfen uns liebevoll dabei, diese ganz freiwillig einzuhalten. Und alles nur, weil sie fest davon überzeugt sind, wir wären unfähig, von selbst zu merken, dass die menschliche Spezies aus Männern und Frauen besteht sowie aus Menschen, die sich irgendwo dazwischen oder daneben einordnen, weshalb wir auch auf diesem Gebiet dringend eine betreute Sprache brauchen.

Hier gab es ebenfalls vor einigen Wochen aufflammende Social-Media-Diskussionen und ich habe den Fehler gemacht, in die Kommentare reinzulesen. Daraus ergab sich eine Art Bullshit-Bingo, weil sich viele der Pseudoargumente der Sprachbetreuer seit Jahren wiederholen. Wie immer reichte das Spektrum von der Verleumdung, menschenverachtend oder rechtsradikal zu sein, wenn man nicht freiwillig und freudig gendert (Ist so etwas eigentlich justiziabel?), bis hin zu Todesfantasien, dass hoffentlich bald alle Gendergegner wegsterben. (Wie einfühlsam und inklusiv.)

Leuten, die so was ins Internet reinschreiben, wünsche ich eine Kackwurst auf den Grill.

Bullshit-Bingo mit sich wiederholenden Ausagen aus den Kommentaren der Genderbeführworter. Es handelt sich zum Teil um hohle Phrasen, unbewiesene Behauptungen oder sogar verleumderischen Aussagen oder Todesfantasien in Bezug auf ihre vemeintlichen Gegner.