Klara Bellis im Selfie-Rausch

Alles fing mit einer E-Mail meines Hörbuchverlags an. Darin stand, dass Ausschnitte aus den Hörbüchern fürs Marketing verwendet werden dürfen. Blieb nur die Frage: Wie verpacke ich eine Audiodatei für das bilderhungrige Social Media?

Als der Schnee fiel, kam mir die Idee, einen Schal zu stricken. Es sollte ein Accessoire werden, das ich für Werbefotos mit dem Taschenbuch von „Wintermaid“ im verschneiten Wald einsetzen wollte. Deshalb lag es nahe, das Schalstricken als eine Art Videoevent zu inszenieren und jeden Tag ein Video auf meine drei Social-Media-Kanäle hochzuladen, bei dem im Hintergrund Auszüge aus dem Hörbuch zu hören waren.

Über mehr als eine Woche hinweg produzierte ich täglich ein bis zwei Videos. Wobei ich aus Zeitgründen nicht alle Videos veröffentlichen konnte. Ich saß an diesen Tagen bis kurz nach Mitternacht am Computer oder am Handy, manchmal an beidem gleichzeitig, und schnitt aus dem zuvor gedrehten Rohmaterial Videos, die für Instagram, Facebook und YouTube Shorts geeignet waren. Morgens kurz nach sechs klingelte der Wecker und es ging ins Büro. Kaum war ich zehn Stunden später wieder zu Hause, fing ich an zu stricken, Videos zu drehen, bis in die Nacht zu schneiden oder mich durch drei Social-Media-Plattformen zu scrollen, um zu schauen, ob die Videos gesehen werden. Ich stand in dieser Woche praktisch 17 bis 18 Stunden am Tag unter Strom.

Tatsächlich hatte die ganze Mühe spürbare Auswirkungen. Natürlich nicht auf die bescheidenen Verkaufszahlen von Buch und Hörbuch, die liegen wie immer bei nahezu null, sondern auf mich selbst.

Während der Videoaktion fühlte es sich an, als würde mein Ego über sich selbst hinauswachsen. Es war ein anhaltender Zustand unterschwelliger Euphorie, genauer die Erwartung, dass jeden Augenblick etwas Großartiges passieren könnte. Unterm Strich ein ungutes Gefühl, denn es sorgte für eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Ich kann nur erahnen, was die andauernde Selbstberauschung auf Social Media mit Menschen macht, die diese Art von Content jeden Tag produzieren. Und was macht es mit uns, die wir diesen Selbstbespiegelungs-Content täglich ungefiltert stundenlang konsumieren?

Trotz der ambivalenten Gefühle, die das Videoexperiment in mir ausgelöst hat, werde ich auch in Zukunft ab und zu ein Video oder ein Selfie hochladen. Was ich mir absolut nicht vorstellen kann, wäre so etwas wie ein TikTok-Kanal, für den ich mehrmals die Woche, über Jahre hinweg, solchen Content produzieren müsste. Das permanente unter Strom stehen würde mir die Kraft und die Konzentration fürs Schreiben rauben.

Eines der Fotos, die ich mit dem extra gestrickten Schal aufgenommen habe. Leider nicht wie geplant im Wald, sondern in der Grünfläche eines Plattenbauviertels