Das Stativ ist aufgebaut. Das Handy ist ausgerichtet. Es wackelt nur ein wenig. Das Licht ist jetzt im November eher mau, geht aber gerade so. Ich will ein Video für eine Promo-Aktion aufnehmen, an der ich teilnehmen darf.
Ja, ich weiß, Sichtbarkeit ist wichtig. Sehen die Leser meine Bücher und sogar die dazugehörige Autorin, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand tatsächlich in das reinliest, was ich geschrieben habe. So jedenfalls die Theorie.
Auf Instagram ist meine Reichweite inzwischen völlig eingebrochen. Auf Facebook schon lange. Wenn ich Textschnipsel veröffentliche, sehen das keine 100 Leute. Fünf oder sieben Herzen sind auf Instagram schon viel. Vor einigen Jahren waren es noch weit über zwanzig, und das für jeden noch so belanglosen Schnappschuss, den ich damals bei nur einem Bruchteil von Followern gepostet hatte.
Gleichzeitig sehe ich viele Autoren (m/w/d) Videos veröffentlichen, in denen sie die Vorzüge ihrer Bücher anpreisen. Bei manchen habe ich den Eindruck, sie machen das auf eine professionelle Weise authentisch, dass mich die große Reichweite ihrer Videos und das viele Feedback kaum wundert – selbst wenn sie noch kein Buch veröffentlicht haben, sondern über die Arbeit an ihrem Debütroman berichten. Andere erinnern mich an Gebrauchtwagenhändler, die das „Kindle-Business“ rocken und genau wissen, wo sie welches Wort, welchen Augenaufschlag, welche Geste platzieren müssen, um sich die Reichweite zu verdienen, die sie haben. Dann gibt es Leute, die wirklich authentisch rüberkommen, die schon fast verzweifelt von ihren Büchern erzählen, sich immer wieder neue Themen ausdenken, mit denen sie auf immer dieselben Bücher aufmerksam machen. Auch wenn sie sich noch so ins Zeug legen, bleibt ihre Reichweite überschaubar. Sie sind wirklich 100% authentisch, ganz normale Leute anstatt charismatischer Persönlichkeiten oder lässig-verpeilter Künstlertypen. Nur scheint das keine Reichweite zu bringen, auch wenn es immer heißt, man solle unbedingt authentisch sein. (Ich habe inzwischen den Verdacht, dass es ein richtiges und ein falsches Authentisch gibt …)
Ich zähle mich zur letzteren Gruppe, auch wenn ich selbst eher sparsam Selfies oder gar Videos von mir veröffentliche. Ich kann auch nicht einschätzen, wie wichtig die Präsenz auf Social Media wirklich ist. Mich nervt dort (Eigen-)Werbung eher. Gleichzeitig mache ich es selbst, weil es alle machen. Dabei bin ich völlig langweilig, absolut uninteressant. Interessant sind nur die Geschichten, die ich erzähle. Aber die wird niemand lesen oder hören, wenn niemand davon weiß. Und deshalb werde ich jetzt das Video aufnehmen. Auch wenn das Licht immer schlechter wird und das Stativ samt dem daran festgeschraubten Handy ein bisschen wackelt.
